Handwerk

Was macht eine gute Kurzgeschichte aus?

9. Juli 2020 · ca. 4 Min. Lesezeit · von Carolyn Pini

Alter Atlas, Messing-Kompass und Bücherstapel

Eine Kurzgeschichte ist kein verkürzter Roman. Sie hat eigene Regeln, und wer sie beherrscht, hat ein starkes Trainingsfeld für alles, was danach kommt. Was macht eine Kurzgeschichte zur Kurzgeschichte?

Länge und Struktur

Eine Kurzgeschichte sollte etwa 5'000 Zeichen nicht überschreiten, je nach Form auch bis zu 10'000. Darüber hinaus wird sie zur Erzählung. Die Form verlangt Dichte.

Sie beginnt typischerweise „mitten in der Handlung", ohne lange Einleitung, ohne ausführliche Ortsangaben. Die Leserin wird ins kalte Wasser geworfen. Das ist Absicht.

Handlung und Thema

In der Regel führt eine Kurzgeschichte von A nach B. Sie konzentriert sich auf ein besonderes Ereignis in einem alltäglichen Kontext. Das emotionale Ziel der Hauptfigur steht im Zentrum: etwas gewinnen, finden, verlieren, wiedergutmachen.

Grosse Dramen passen nicht in die Form. Was passt: ein Nachmittag, eine Begegnung, ein Moment der Wahrheit. Ein Brief, der zu spät kommt. Ein Blick, der alles verändert.

Charakterisierung

Die Hauptfigur wird nicht direkt beschrieben. Sie offenbart sich durch ihre Gedanken, ihre Worte, ihre Handlungen. Kein „Sarah war eine ruhige Frau mit melancholischen Augen." Stattdessen: Sarah tut etwas. Und durch das Tun wissen wir, wer sie ist.

Nebenfiguren spielen kaum eine Rolle. Wenn überhaupt, dann als Spiegel oder Widerstand für die Hauptfigur. Keine Ablenkung von der Hauptlinie.

Schreibstil

Wichtig ist eine sinnliche, atmosphärische Darstellung. Das Buch klappt zu, wenn die Leserin nicht riecht, sieht, hört, was in der Geschichte passiert. Verbinde Handlungen mit Emotionen, nicht durch Erklären, sondern durch bildhafte Beispiele.

Eine alte Regel: „Show, don't tell." Nicht sagen, dass Sarah traurig ist. Zeigen, wie sie am Fenster steht, während der Tee kalt wird.

Spannung und Ende

Die Spannung einer Kurzgeschichte entwickelt sich oft erst zum Schluss. Der Twist, die Umkehrung, die Erkenntnis: das ist der Moment, in dem die Leserin innehält.

Offene Enden sind legitim. Sie regen zum Nachdenken an, und sie sind typisch für die Form. Eine Kurzgeschichte, die alles auflöst, wirkt oft banal. Eine, die eine Frage stehen lässt, arbeitet im Kopf der Leserin weiter.

Eine gelungene Pointe krönt häufig das Werk. Aber Vorsicht: Pointen lassen sich nicht erzwingen. Sie müssen aus der Geschichte wachsen, nicht angeklebt sein.

Warum Kurzgeschichten als Training

Viele Erstautorinnen wollen direkt den Roman schreiben. Das ist ehrenwert, aber oft zu ehrgeizig für den Anfang. Kurzgeschichten sind das bessere Trainingsfeld:

Schreiben lernt man durch Schreiben. Kurzgeschichten sind das schnellste Feedback, das du dir geben kannst. Und sie können der Beginn eines grösseren Werks sein, oft hat eine Autorin eine Kurzgeschichte, die sie so nicht loslässt, und daraus wird ein Roman.

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