Dranbleiben

Wenn du aus der Motivationskurve fliegst

5. Februar 2025 · ca. 8 Min. Lesezeit · von Carolyn Pini

Tischkalender, halbvolles Notizbuch und Teetasse

Jedes Erstbuch folgt erstaunlich ähnlichen Wellen und Tälern. Die Motivation kommt und geht, sie ist eine Welle. Dein fertiges Buch ist dein Fixstern, der bleibt. Wer die Bewegung kennt und den Fixstern nicht aus dem Blick verliert, nimmt sich das Drama aus den tiefsten Tälern und bleibt dran, weil sie weiss: Das gehört dazu.

Die fünf Phasen, die fast alle durchlaufen

Phase 1 · Die Verliebtheit (Monat 1)

Du fängst an. Die Idee brennt. Du kannst nachts nicht schlafen, weil dir Szenen durch den Kopf gehen. Jede freie Minute schreibst du. Du bist produktiver, als du dich seit Jahren erinnert hast. Alles ist möglich.

Achtung: Diese Phase ist das Brennstoff-Feuer. Sie hält nicht ewig, und sie soll nicht. Sobald sie abflacht, heisst das nicht, dass du dein Buch nicht mehr willst. Es heisst, dass die normale Arbeit beginnt.

Phase 2 · Der Realitätsschock (Monat 2–3)

Du hast die ersten Kapitel. Du liest sie. Sie klingen … anders als in deinem Kopf. Weniger. Platter. Manches trifft es nicht. Und plötzlich merkst du: Das, was du schreiben wollst, ist schwerer, als du dachtest.

Hier brechen viele ab. Nicht aus Faulheit, aus Enttäuschung. Die Lücke zwischen dem, was du im Kopf hattest, und dem, was auf dem Papier steht, wirkt unüberbrückbar.

Sie ist es nicht. Jede Autorin kennt diese Lücke. Sie wird nie ganz zu, aber sie wird kleiner. Weiterschreiben, auch wenn es schlecht ist, ist die einzige Medizin.

Phase 3 · Das Plateau (Monat 4–6)

Du hast einen Rhythmus. Du schreibst nicht mehr aus Glut, sondern aus Routine. Das klingt weniger romantisch als Phase 1, ist aber die produktivste Phase überhaupt.

Viele Erstautorinnen misstrauen dem Plateau. „Ich bin nicht mehr so inspiriert wie am Anfang, also stimmt was nicht." Falsch. Das Plateau ist Reife. Das ist die Phase, in der du wirklich schreibst.

In dieser Phase hilft: feste Schreibzeiten. Nicht „wenn ich inspiriert bin", sondern „jeden Dienstag und Donnerstag von 9–11". Kreative Arbeit ist wie Sport, die Routine trägt, nicht die Lust.

Phase 4 · Das Tal der Tränen (Monat 5–7)

Irgendwann, meistens in der Mitte des Manuskripts, kommt der Punkt, an dem du dein Buch hasst. Du findest es flach, vorhersehbar, schlecht geschrieben. Du bist überzeugt, dass du dich geirrt hast, als du dachtest, du könntest das.

Das ist so zuverlässig wie ein Wetterphänomen. Bei fast allen meiner Autorinnen kommt zwischen Seite 100 und 150 ein Moment, wo sie kurz davor sind, zu löschen.

Was hilft: Nicht löschen. Nicht entscheiden, wenn es dir schlecht geht. Einfach weitermachen. Wenn du morgen nochmal dasitzt, fühlst du wahrscheinlich etwas anderes. Wenn du in der Krise geschrieben hast, ist oft das Beste, was du liefern kannst, dabei, weil du im Ausdrücklichen statt im Schönen warst.

Das Tal der Tränen kommt immer. Sei fast dankbar, wenn es in der Mitte kommt. Kommt es erst am Ende, brauchst du viel mehr Motivation, um dich wieder aufzurappeln. Ich kenne beides sehr gut aus eigener Erfahrung. Wenn du allein arbeitest, ohne Sparringpartnerin, kann das Tal höllisch werden. Mit einer Sparringpartnerin ist es eine Krise, die gemeinsam überwunden wird, kein Sturm, in dem du untergehst.

Phase 5 · Der Endspurt (letztes Drittel)

Plötzlich merkst du: Ich bin nah dran. Die Energie kommt zurück, nicht mehr so naiv wie in Phase 1, sondern spezifischer. Du willst das fertig machen. Du weisst, wie es enden soll. Du lebst kurz wieder in deinem Buch.

Diese Phase ist süss. Geniess sie. Und schreib zügig, Aufschieben in dieser Phase ist oft das Gefühl „Ich kann das ja immer noch perfekt machen". Mach lieber erst fertig, perfektionier dann.

Genau darum arbeiten wir in Mein erstes Buch mit drei Runden: Rohfassung, Feinarbeit, Reinfassung. Die erste Runde ist fürs Fertigschreiben, nicht fürs Glanzpolieren. Das Perfektionieren hat seinen eigenen Platz, nur nicht in der Rohfassung.

Was jede Phase braucht

PhaseWas dir hilft
VerliebtheitViel schreiben, wenig überarbeiten. Material sammeln.
RealitätsschockWeiterschreiben, auch wenn es schlecht ist. Nicht streichen.
PlateauFeste Schreibzeiten, Rituale, schreiben ohne Erwartung.
Tal der TränenNicht allein sein. Gespräch, Feedback, durchhalten.
EndspurtFertigmachen. Perfektion kommt später.

Die wichtigste Erkenntnis

Das Tal der Tränen ist nicht der Beweis, dass du kein Buch schreiben kannst. Es ist der Beweis, dass du eines schreibst. Ohne dieses Tal kein fertiges Buch. Jede Autorin, deren Bücher du liebst, ist da mehrfach durchgegangen.

Wenn du drin bist, gibt es nur zwei Wege heraus:

  1. Abbrechen. Aufgeben. Das Buch sterben lassen.
  2. Die Ärmel hochkrempeln. Emotional und rational verstehen, was du noch nicht kannst, und es dir eingestehen. Und dann: üben, üben, üben, also schreiben, schreiben, schreiben.

Die einzigen, die nie im Tal landen, sind die, die aufgehört haben. Und ich würde behaupten: sie sind eigentlich ins Tal gefallen und haben es Aufhören genannt.

Praktisch durch das Tal der Tränen

Die Welle kennen heisst, auf ihr zu reiten

Wer die Wellen und Täler eines Erstbuchs kennt, verliert auch im Tief den Fixstern nicht. Wenn die Motivationswelle kommt, freu dich und nutze sie. Wenn sie dich wieder hinunterzieht ins Tal der Tränen, denkst du: Ah, da bin ich wieder. Wenn ich da drüber bin, schaffe ich es auch, mein Buch zu beenden. Das gehört dazu. Wenn ich das akzeptiere, die Ärmel hochkremple und weiterschreibe, egal was, komme ich da auch wieder heil raus.

Die Welle bringt dich nicht weg vom Ziel. Sie ist Teil des Weges. Und der Fixstern, dein fertiges Buch, bleibt, auch wenn du gerade nicht hinsehen kannst.

Durch das Tal der Tränen begleitet werden

In der 3Takt-Begleitung oder Mein erstes Buch stehe ich neben dir.

Gerade das Tal der Tränen ist der Moment, wo es den grössten Unterschied macht, nicht allein zu sein. Wer weiss, dass dieses Gefühl zur Reise gehört, verliert nicht die Orientierung.

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