Plot

Die drei Fragen, die jedes Kapitel beantworten sollte

12. März 2023 · ca. 6 Min. Lesezeit · von Carolyn Pini

Still-Life mit Plot-Landkarte, Notizbuch und Füllfeder

Drei Fragen. Mehr nicht. Wenn ein Kapitel sie beantwortet, zieht es die Leserin weiter. Wenn nicht, bauen wir es um. Das ist der Kern der 3TaktMethode, der Methode, mit der ich mit Erstautorinnen arbeite.

Wie die Methode entstanden ist

Als ich angefangen habe, Drehbücher zu entwickeln, habe ich eine einfache Regel gelernt: Jede Szene muss ihre Arbeit tun. Wenn sie ihre Arbeit nicht tut, fliegt sie raus. Egal wie schön sie ist.

Film ist unerbittlich. Du hast 90 Minuten. Alles, was nicht trägt, zerreisst den Zuschauer aus der Geschichte. Romane sind toleranter, aber nicht so viel toleranter, wie manche denken.

Aus den Kriterien, mit denen ich Drehbuch-Szenen geprüft habe, habe ich mit der Zeit eine einfachere Form destilliert. Drei Fragen. Das ist die 3TaktMethode.

Die drei Fragen

1. Wer will was?

In jedem Kapitel muss erkennbar sein, wer handelt, und was diese Person konkret will. Nicht abstrakt. Konkret.

Nicht: „Anna will glücklich sein." Sondern: „Anna will mit ihrer Mutter reden, bevor sie das Dorf verlässt."

Das klingt banal, ist aber die häufigste Schwäche, die ich in Erstbüchern sehe. Die Heldin „befindet sich" in Szenen. Sie beobachtet. Sie reflektiert. Aber sie will nichts Konkretes. Dann passiert in der Szene auch nichts Konkretes.

Wenn du keinen eindeutigen Satz „X will Y" für dein Kapitel hinbekommst, hat das Kapitel ein Problem.

2. Was steht im Weg?

Wenn Anna ohne Widerstand mit ihrer Mutter reden kann, ist es kein Kapitel. Es ist eine Notiz. Kapitel entstehen durch Widerstand.

Widerstand kann äusserlich sein: Die Mutter ist unterwegs. Die Mutter weigert sich zu reden. Das Gespräch wird unterbrochen.

Widerstand kann innerlich sein: Anna weiss nicht, wie sie anfangen soll. Anna hat Angst vor der Antwort. Anna merkt mitten im Satz, dass sie etwas anderes sagen will.

Die stärksten Szenen haben beides, innere und äussere Hindernisse. Sie arbeiten gegeneinander und machen die Szene dreidimensional. Und das Schöne am Roman: Du kannst über die inneren Hindernisse und die Gedanken deiner Figur schreiben, im Gegensatz zum Film, wo du nur mit dem arbeiten kannst, was die Zuschauerin von aussen sieht.

3. Was ändert sich?

Am Ende des Kapitels muss etwas anders sein als zu Beginn. Sonst warst du die Leserin länger in der Szene, ohne sie woanders hinzubringen.

Was sich ändert, kann vielfältig sein:

Wenn am Ende alles gleich ist wie zu Beginn, streiche das Kapitel. Ja, wirklich. Es wird dir nicht fehlen.

Ein Durchspiel an einem Beispiel

Nehmen wir ein zufälliges Szenen-Setup: Eine Frau, die vor einer Telefonzelle steht und zögert.

Schlechte Version:

Anna stand vor der Telefonzelle. Es war Herbst, die Blätter fielen. Sie dachte an ihre Mutter. Sie erinnerte sich an die Kindheit. Der Wind wehte. Schliesslich ging sie weg.

Die drei Fragen:

Bessere Version:

Unschlüssig sah Anna auf das schmutzige Glas der Telefonzelle. Ihre Hand spielte mit der Münze in ihrer Jackentasche, und ihre Gedanken flüsterten die Nummer ihrer Mutter. Heute würde sie anrufen. Ganz sicher. Entschlossen betrat sie die schmuddelige Telefonzelle, ein Wunder, dass es sie überhaupt noch gab. Und so roch es auch. Aber ein halbes Jahr Schweigen war genug. Mit spitzen Fingern griff sie nach dem Hörer, warf die Münze ein. Einen kurzen Augenblick hielt sie noch inne, bevor sie mutig die Nummer wählte, da hörte auch das Flüstern im Kopf auf. Aber halt, war heute nicht Mutters Chortag? Sie wollte schon auflegen, da wurde abgenommen. Aber es war nicht die Stimme ihrer Mutter, die „Ja? Hallo?" sagte.

Die drei Fragen:

Dieses Kapitel hat einen Takt. Die Leserin wird weiterlesen wollen.

Wie du die Methode anwendest

Du kannst die drei Fragen in zwei Richtungen nutzen:

Vorwärts, bevor du ein Kapitel schreibst. Beantworte die drei Fragen. Wenn du sie nicht beantworten kannst, weisst du: Ich habe noch keine Szene, nur eine Idee.

Rückwärts, nach einem geschriebenen Kapitel. Geht bei dir was nicht auf? Check die drei Fragen. Oft findest du dort das Leck.

Warum „Takt"?

Ich nenne die Methode „3TaktMethode", weil sie aus der Musik und der Dramaturgie kommt. Drei Akte, drei Takte, ein Rhythmus, der trägt. Ein Kapitel, das die drei Takte schlägt, fühlt sich für die Leserin richtig an, auch wenn sie nicht benennen könnte, warum.

Und für dich als Autorin wird die Methode mit der Zeit zur zweiten Natur. Irgendwann fragst du dich beim Schreiben nicht mehr bewusst „Was ändert sich?", du spürst es einfach, wenn es fehlt.

Die Methode in der Vorlage

Die 3TaktMethode ist in die Manuskript-Vorlage eingebaut.

Die drei Fragen stehen bei jedem der 22 Kapitel-Platzhalter. Du öffnest die Vorlage, und die Methode fragt dich bei jedem Kapitel automatisch ab.

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