Figuren

Was deine Hauptfigur wirklich braucht, ist mehr als was sie erreichen will

14. August 2024 · ca. 6 Min. Lesezeit · von Carolyn Pini

Zwei handgezeichnete Charakter-Skizzen hell und dunkel

Die Lücke zwischen dem, was deine Hauptfigur zu wollen glaubt, und dem, was sie wirklich braucht, ist der Raum, in dem deine Geschichte passiert. Ohne diese Lücke bleibt deine Heldin flach. Mit ihr wird sie lebendig.

Want und Need

In der Drehbuchlehre gibt es ein einfaches, aber starkes Begriffspaar: Want und Need.

Deine Heldin beginnt die Geschichte mit Blick auf ihr Want. Sie kämpft darum. Und irgendwann, meistens in der Mitte oder am Tiefpunkt, merkt sie: Das, wofür sie gekämpft hat, war nicht das, was ihr gefehlt hat.

Warum das so wichtig ist

Geschichten ohne diese Spannung sind voraussehbar. Die Heldin will X, am Ende hat sie X. Die Leserin nickt und legt das Buch weg.

Mit der Want/Need-Spannung wird es interessant. Die Heldin will X, kämpft dafür, und am Ende merkt sie: sie braucht eigentlich Y. Vielleicht bekommt sie X auch nicht, vielleicht bekommt sie Y stattdessen und ist damit glücklicher, als X sie je gemacht hätte.

Das ist der Kern dessen, was eine Figur dreidimensional macht: der innere Widerspruch.

Drei Beispiele (ohne Spoiler)

Weil abstrakt schwer zu fassen ist, ein paar Illustrationen:

In jedem dieser Fälle zieht sich die Geschichte aus der Spannung zwischen dem, was die Figur anstrebt, und dem, was sie am Ende als das eigentlich Wichtige erkennt.

Die Übung

Nimm deine Hauptfigur. Schreib in einem Satz auf:

Sie will …

Dann, und hier wird es schwierig, schreib in einem Satz auf:

Was sie aber eigentlich braucht, ist …

Wenn die zwei Sätze identisch sind oder sehr nah beieinander, deine Figur ist (noch) flach. Such weiter. Was weiss sie nicht über sich selbst? Was verweigert sie, sich einzugestehen? Was hat sie aufgegeben, als sie klein war?

Wenn die zwei Sätze weit auseinander liegen, du hast den Motor deiner Geschichte gefunden.

Der 3Takt-Check auf Figurenebene

Die drei Takte funktionieren auch auf der Figur:

  1. Was will sie? → Ihr Want, das sichtbare Ziel.
  2. Was steht ihr im Weg? → Oft sie selbst. Ihr Unvermögen, ihr Need anzuerkennen.
  3. Was ändert sich? → Sie lernt, dass Want und Need nicht dasselbe waren. Und sie wählt.

Was Antagonistinnen brauchen

Ganz nebenbei: Das Prinzip funktioniert auch für deine Antagonistin. Sie hat ein Want (oft dasselbe wie deine Heldin oder etwas, das ihr im Weg steht), und sie hat einen Need, den sie in Wirklichkeit verweigert. Was weigert sich deine Antagonistin zu sehen? Das ist der Grund, warum sie die Entscheidungen trifft, die sie trifft.

Eine Antagonistin, die einfach „böse" ist, bleibt platt. Eine Antagonistin, die aus einem verkrüppelten Need heraus handelt, wird gefährlich interessant.

Eine Faustregel zum Schluss

Die besten Geschichten enden oft so: Die Heldin bekommt ihren Need, nicht ihr Want. Und sie merkt, dass das das bessere Ergebnis war.

Das ist das, was dich als Leserin berührt, nicht, dass jemand sein Ziel erreicht, sondern dass jemand sich selbst erkennt und sich ändert.

Hilfe bei den Figuren

Die Manuskript-Vorlage kommt mit einem Figuren-Inventar.

Excel-Steckbriefe für Heldin, Antagonistin und zwei zentrale Nebenfiguren, inklusive Want/Need-Feld. Beliebig erweiterbar.

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