Dichterinnen im Dichterinnenland

Wie mein erstes Buch endlich zum Leben erweckt wurde

…das ich vorher jahrelang mit mir herumgetragen hatte.

März 2026 · ca. 10 Min. Lesezeit · von Carolyn Pini

Nathalie

Nathalie Hertig kam zu mir mit einer Geschichte, die sie seit Jahren in sich trug, die ihrer Grossmutter, die im Zweiten Weltkrieg in der Schweiz gelebt hatte. Fast zwei Jahre später hielt sie ihr fertiges Buch in den Händen: „Wir hatten uns", 210 Seiten, erschienen beim Rediroma-Verlag. Pünktlich zu Weihnachten, als Geschenk an die Familie. Ohne das wichtige Job-Projekt, das zwischenzeitlich Vorrang hatte, wäre das Buch in einem Jahr fertig geworden. Das ist ihr Weg, so wie er wirklich war. Inklusive der Stolpersteine.

Nathalie Hertig hat mit mir den Weg „Mein erstes Buch" gemacht. Ihr Roman „Wir hatten uns" erzählt die Geschichte der jungen Marie, die in der Schweiz 1944 unverheiratet schwanger wird und den Weg zur eigenen Familie suchen muss, inspiriert von der Geschichte von Nathalies Grossmutter und basierend auf wahren Begebenheiten, von denen aber nicht viele Details bekannt waren. Angereichert mit fiktionalen, spannenden Elementen wurde daraus ein sehr schöner Debüt-Roman. Der folgende Text ist mit Nathalies ausdrücklichem Einverständnis veröffentlicht, weil genau das der Sinn der Erstbuch-Diaries ist: echte Geschichten, nicht geschönt.

Die schwammige Idee

Nathalie kam, wie sie selbst sagt, mit einer „schwammigen Idee". Sie wusste: Sie wollte die Geschichte ihrer Grossmutter erzählen. Als Andenken an die Grossmutter, dem Wunsch einen Teil der Familiengeschichte zu bewahren, aber auch an die Zwangsversorgung unehelicher Kinder, ein dunkles Kapitel der Schweizer Sozialgeschichte, das bis heute nachwirkt.

Was sie nicht wusste: wie man daraus einen Roman macht.

„Ich hatte das Material und die Erinnerungen. Aber ich wusste überhaupt nicht, wie ich einen Anfang setzen sollte. Die Geschichte war in mir, und sie wollte raus, aber ich wusste nicht wie."

Die Plot-Werkstatt, und ein kleiner Stolperstein

Wir haben mit der Plot-Werkstatt gestartet (damals hiess das noch „Geschichten-schreiben-Kurs" und war ein individueller 1:1-Coaching-Kurs; heute ist die Plot-Werkstatt die strukturierte Auftakt-Session von „Mein erstes Buch"). Nathalie hat Welt und Figuren beschrieben.

Und hier passierte der erste Stolperstein. Sie hat es weniger ausführlich gemacht, als wir vereinbart hatten. Nicht aus Fahrlässigkeit, aus Ungeduld. Sie wollte schnell schreiben. Die Welt und die Figuren genau auszuarbeiten, fühlte sich an wie Aufschieben.

Das rächte sich später. Figuren reagierten plötzlich anders, als es zu ihrem Charakter passte. Zeitabläufe stimmten nicht. Orte blieben unklar. Und die historische Recherche, Schweiz 1942–1945 ist kein Nebenthema: Rationierung, Flüchtlingspolitik, Nachrichtenkontrolle, Alltag in verschiedenen Regionen, war zu knapp. Das mussten wir mitten im Schreiben nachholen, was zeitaufwändig war.

Die Lehre für alle, die das lesen: Die Vorarbeit ist keine Pflichtübung. Sie ist das Fundament. Jede Abkürzung unten rächt sich oben.

Runde 1: Euphorie und die eigene Sprache

Nach der Plot-Werkstatt bekam Nathalie die Manuskript-Vorlage, buchte bald darauf das 1:1-Schreib-Coaching und begann mit der ersten Manuskript-Runde. Sie war euphorisch. Schnell füllten sich Kapitel 1 bis 3, und an dieser Exposition zeigte sich schon die Liebe zum Stoff und eine eigene Sprache, die trug.

Aber dann wurde die Handlung schwieriger. Jetzt begann die eigentliche Reise der Marie: unverheiratet, schwanger, auf der Suche nach einem Platz in einer Welt, die ihr keinen zugestand.

Mit der 3TaktMethode durch die Handlung

Mit der 3TaktMethode haben wir uns in Runde 1 vorwärts gearbeitet, entlang der Manuskript-Struktur, bis zum Midpoint. Der war gar nicht so einfach zu bestimmen.

Wir mussten umdenken. Nathalie schrieb dann die Kapitel ausführlicher, die ihr einfacher fielen. So kamen auch die Handlungsstränge der unbekannteren Teile im Plot langsam in Fahrt.

Ein Beispiel: Aus einer kurzen Beschreibung, Marie steigt in Zürich aus dem Zug, wird abgeholt, fährt im Tram in ihr neues Zuhause, wo sie als Dienstmädchen arbeiten wird, wurde in Runde 2 ein schöner Text in ihrer eigenen Sprache. Genau das, was Nathalie am Anfang „schwammige Idee" genannt hatte, bekam Farbe, Ton und Atem.

Das Tal der Tränen und der Krisen-Workshop

Vor dem Krisen-Workshop kam das, was fast jede Erstautorin kennt: ein Tal der Tränen, ein Durchhänger in der Motivationskurve, und obendrauf viel Arbeit im Job, Projekte, die Vorrang hatten. Nathalie legte das Manuskript zur Seite. Nicht, weil sie aufgeben wollte, sondern weil das Aussen zu laut wurde.

Als wir wieder einstiegen, gab es eine konkrete Frage, die sie blockierte: Wie finden wir Details darüber, was Marie erlebt hat? Und wie passen Fiktion und echte Fakten zusammen?

Von der Grossmutter existierten nur Bruchstücke. Alles dazwischen musste Nathalie erfinden, und das fühlte sich für sie oft wie Verrat an, als würde sie die echte Geschichte verfälschen.

In einem Krisen-Workshop haben wir diese Fragen gemeinsam beantwortet, bis Nathalie den Faden wieder gefunden hatte und die Geschichte stimmig wurde, so dass sie sie selbst auch glauben konnte. Wichtig war dabei, glaubwürdige und logische Handlungen in der 3TaktMethode zu finden, gerade für die Stellen, an denen Fakten und Fiktion zusammentreffen.

Und noch etwas, das ich Erstautorinnen gerne mitgebe: Runde 1 und Runde 2 können sich vermischen. Das ist okay. Wir gehen mit dem Flow, die Geschichte will, wie sie will, und nicht immer so, wie wir wollen. Wichtig ist dabei, die Struktur nicht zu verlieren. Dabei habe ich ihr den Rücken freigehalten.

Runde 2: Textmengen und Midpoint

In der zweiten Runde haben wir uns die Mengenverteilung angeschaut. Die Anfangskapitel waren in guter Länge. Aber um den Midpoint herum fehlte einiges. Manche Kapitel hatten 5–7 Seiten, manche nur 2. Der Rhythmus stimmte nicht.

Wir haben nachgeschrieben: ausgearbeitete Szenen, die vorher nur skizziert waren. Dialoge, die Atmosphäre tragen. Besonders in den kritischen Szenen, als Marie das Kind weggenommen wurde und wie sie sich später auf die Suche danach machte. Das waren die Stellen, an denen der Roman am meisten tragen musste.

Das letzte grosse Aufraffen

Dann kam das Ende der Geschichte. Das Aufraffen, das letzte Drittel durchzuziehen, war hart. Nathalie war müde vom langen Prozess. Aber sie wusste, sie wollte das pünktlich zu Weihnachten haben. Die Familie sollte es unterm Baum finden.

Wir haben die Terminplanung rückwärts gemacht: von Weihnachten, mit Pufferzeit für Druck, Lektorat und Korrektur. Daraus ergab sich: Ende September musste Runde 3 abgeschlossen sein. Letzte Feinschliffe und die letzten Logik-Probleme ausräumen, das war der Auftrag. Das gab ihr einen klaren, greifbaren Horizont.

Runde 3: der überraschende Flow

Die letzte Überarbeitungsrunde wurde zur Freude. Nathalie hatte inzwischen die Stimme ihres Buchs gefunden. Alles, was in den Runden 1 und 2 erkämpft worden war, trug jetzt.

„Die letzte Runde war fast wie Durchlesen. Ich habe noch kleine Sachen geändert, aber es fühlte sich nicht mehr wie Arbeit an. Es fühlte sich an wie nach Hause kommen."

Der Verlag

Ich habe Nathalie den Rediroma-Verlag aus meinem Netzwerk empfohlen. Der Verlag sagte zu, schnell, unkompliziert. Das Lektorat war minimal: ein paar Kommas, zwei stilistische Feinheiten. „Der Text trägt", schrieb der Lektor. Mehr brauche es nicht. Rückblickend schrieb mir Nathalie:

„Rediroma war super, ich fühl mich da sehr gut beraten und aufgehoben."

Das ist, nebenbei bemerkt, einer der grössten Nebeneffekte strukturierten Arbeitens: Wenn das Manuskript nach drei Runden wirklich sitzt, wird das externe Lektorat günstig. Und Verlage sagen eher zu.

Weihnachten

Pünktlich. Dank der sauberen Terminplanung im Endspurt war das Buch rechtzeitig fertig. Nathalie konnte es der Familie schenken, ihrer Mutter, ihrem Onkel, ihren Schwestern. Sie haben es gelesen, und ihre Rückmeldung war das wichtigste Kompliment überhaupt: Sie fanden es glaubwürdig. Marie sei für sie lebendig gewesen. Die Mischung aus dem, was sie aus der Familiengeschichte kannten, und dem, was Nathalie dazu erfunden hatte, habe gepasst.

Das Feedback

Eine Leserin schrieb Nathalie:

„Dein Buch ist manchmal bedrückend, manchmal leicht und aufmunternd, manchmal schwer, manchmal ermutigend … wunderbarer Lesestoff."

Der Lektor: „Eine eigene Sprache, die trägt."
Meine Rückmeldung: Nathalie hat ihren Schreibstil gefunden. Nicht den, den sie dachte, sie müsse haben (den „richtigen Roman"). Sondern den, der ihr eigener war. Und der war wunderbar.

Was andere Erstautorinnen daraus mitnehmen können

Nathalies Schlusswort

„Am Anfang wusste ich nicht mal, wie ich beginnen soll. Bis zum fertigen Buch hat es, mit Unterbrechung wegen Job und Leben, fast zwei Jahre gedauert. Inzwischen haben es meine Mutter, mein Onkel und meine Schwestern gelesen. Sie haben besonders die Glaubwürdigkeit der Geschichte hervorgehoben, wie gerne sie das Buch gelesen haben und wie sehr es sie berührt hat. Ein schöneres Feedback hätte ich mir kaum wünschen können."
„Wir hatten uns

Das Buch gibt es wirklich

„Wir hatten uns"

Ein Roman von Nathalie Hertig · basiert auf einer wahren Begebenheit

Die junge Marie beginnt 1944 in der Schweiz ein neues Leben. Sie trägt ein Geheimnis mit sich: ein ungeborenes Kind. In einer Zeit, in der Anstand wichtiger war als Wahrheit, beginnt sie im Haus der Rosenthals ein neues Leben. Eine bewegende Geschichte über Mut, Liebe und die Kraft, für das zu kämpfen, was einem am Herzen liegt.

Rediroma-Verlag 2025 · 210 Seiten · Taschenbuch · ISBN 978-3-86870-817-2 · EUR 12,95

Beim Verlag ansehen

Nathalie mit Abstand

Später schrieb mir Nathalie:

„Manchmal erinnere ich mich an mein Tal der Tränen, mit den Zweifeln und dem Satz ‚ich glaub ich schaff das nicht'. Aber! Dank deinem Coaching und unseren Gesprächen ist ein wunderschönes Buch entstanden, zu dem ich immer noch mega schönes Feedback erhalte. Ich bin unheimlich stolz drauf. Und stolz auf mich, dass ich nicht aufgegeben habe."

Und das nächste Buch?

Auf die Frage, wie es weitergeht, schrieb sie mir:

„Ich habe bis jetzt noch keine neue Idee fürs nächste Buch … also noch keine spruchreife. Ich habe aber was im Kopf, das klingelt. Sobald es spruchreif wird, melde ich mich. Das zweite schreibe ich gerne wieder mit dir!"

Darauf freue ich mich.

So ein Weg ist möglich

Von der schwammigen Idee zum fertigen Buch.

Nathalies Weg ist kein Einzelfall. Er ist das, wofür „Mein erstes Buch" gemacht ist: neun Monate strukturierte Begleitung mit Plot-Werkstatt, drei Manuskript-Runden, Tal-der-Tränen-Intervention und Terminplanung bis zur fertigen Fassung. Manche schaffen es in neun Monaten, bei anderen dauert es länger, weil das Leben dazwischenkommt. Beides ist okay.

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