Kreativität

Kreativer schreiben ist lernbar

In 3 Schritten zu mehr Vielschichtigkeit in deinen Charakteren und Handlungen.

19. September 2022 · ca. 5 Min. Lesezeit · von Carolyn Pini

Schreibtisch mit Stiften, Post-its und Skizzenbuch

Wenn du dich zu sehr von deiner eigenen Geschichte einschränken lässt, brauchst du neue Wege, um das kreative Feld zu erweitern. Eine Methode, die ich oft mit Autorinnen anwende: die Multi-Perspektiven-Collage. Drei Schritte, die aus flachen Szenen vielschichtige machen.

„Nothing is written. Everything is re-written." Das ist die Leitrichtung. Kein Text ist endgültig, solange du noch an ihm arbeitest. Was heute flach wirkt, kann morgen dreidimensional sein, wenn du die richtigen Werkzeuge hast.

Schritt 1 · Identifiziere die schwachen Abschnitte

Geh dein Manuskript durch. Wo wirkt es flach? Wo langweilst du dich selbst beim Lesen? Wo denkst du „das müsste eigentlich berühren, aber es tut es nicht"?

Markier diese Stellen. Nicht um sie zu löschen. Um sie neu zu beleuchten.

Schritt 2 · Schreibe die Szene aus anderen Perspektiven neu

Nimm eine markierte Szene und schreib sie aus der Sicht einer anderen Figur. Nicht deiner Hauptfigur, jemand Peripheres. Die Nachbarin. Der Kellner. Das Kind, das im Nebenraum spielt.

Oder aus einer unmöglichen Perspektive: der Stuhl, auf dem die Hauptfigur sitzt. Das Fenster. Der Brief, über den diskutiert wird.

Das klingt albern. Probier es trotzdem. Du wirst merken: Sobald du die Szene aus einer anderen Warte siehst, fällt dir auf, was sie wirklich ist. Welche Gesten sind wichtig? Welche Worte werden tatsächlich gesagt, welche nur gedacht? Welche Blicke? Welche Stille?

Diese Übung zwingt dich, jenseits deiner Hauptperspektive zu denken. Und sie zeigt dir die Vielschichtigkeit, die in jeder Szene steckt.

Schritt 3 · Überarbeite mit den neuen Erkenntnissen

Zurück zur ursprünglichen Szene. Aber jetzt weisst du mehr. Du hast Elemente entdeckt, die du nicht kanntest, kleine Details, emotionale Schichten, unausgesprochene Subtexte.

Die musst du nicht alle einbauen. Wähl die, die deine Szene tragen. Ein Detail aus Schritt 2 kann reichen, um aus einer flachen Szene eine richtige zu machen.

Warum das funktioniert

Beim ersten Schreiben bleibst du meistens in deinem Kopf. Du sagst, was du sehen willst. Bei der Übung Schritt 2 zwingst du dich, aus deinem Kopf rauszugehen, und deshalb entdeckst du die Welt der Szene neu.

Die meisten Erstautorinnen denken, ihre Figuren seien klar. Erst wenn sie versuchen, aus Sicht der Nebenfigur zu schreiben, merken sie: Die Nebenfigur hätte sich anders benommen, als sie bisher dargestellt war. Oder hätte andere Worte gewählt. Oder wäre früher gegangen.

Solche Entdeckungen machen den Unterschied zwischen einem „ganz netten" Roman und einem, der trägt.

Noch eine Variante: Perspektivwechsel in Echtzeit

Manchmal lohnt es sich, die Szene nicht komplett neu zu schreiben, sondern nur gedanklich aus der anderen Perspektive durchzugehen. Setz dich hin, schliess die Augen, und geh die Szene langsam durch, aber aus der Sicht der Nebenfigur. Was sieht sie? Was denkt sie? Was findet sie wichtig?

Mach dir zehn Stichpunkte. Dann überarbeite deine Szene mit diesen Stichpunkten im Hinterkopf.

Der Prozess gehört dazu

Kreatives Schreiben wird oft als Talent beschrieben, entweder man hat es oder nicht. Das stimmt nicht. Kreativ schreiben ist Handwerk. Und Handwerk lernt man durch Übung. Übungen wie diese.

Ermutigung zum Schluss: Geniess den Prozess. Lass deine Figuren die Geschichte führen. Oft sind es sie, die am Ende wissen, wohin es gehen soll, nicht du als Autorin. Du musst nur zuhören.

Mehr solche Übungen

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