Aus meiner Werkstatt

Klara, das Exposé und das bange Warten

Zwei Räuberköniginnen, ein Gerichtssaal, ein Shitstorm, und eine Autorin, die jetzt selbst in der Warteschleife sitzt, die sie sonst ihren Dichterinnen erklärt.

Ende März 2026 · ca. 6 Min. Lesezeit · von Carolyn Pini

Schreibtisch mit handgeschriebenem Drehbuch-Exposé, Tasse Tee, historischem Porträt einer Frau des 19. Jahrhunderts daneben und einem aufgeklappten Laptop mit Social-Media-Feed, warmes Nachmittagslicht.

Was ich meinen Autorinnen immer sage, „das bange Warten gehört zum Prozess", gilt ab jetzt auch für mich. Ich habe auf Ende März ein Drehbuch-Exposé bei der Filmförderung eingereicht. Jetzt warte ich auf die Jury.

Und fühle jetzt genau dasselbe, was meine Dichterinnen mir sonst beschreiben.

Was ich eingereicht habe

Die Geschichte heisst, vorläufig, Klara. Sie handelt von einer jungen Frau heute, die für ein Delikt angeklagt wird, das sie nicht begangen hat. Je enger sich die Mühlen der Justiz um sie schlingen, desto stärker baut sie in den sozialen Netzwerken ein Lügengespinst, das sie gross macht, unantastbar, geliebt, gehasst, egal, Hauptsache: gesehen. Die Aufmerksamkeit wird ihr Schild. Und am Ende ihr Gefängnis.

Der Stoff ist ein Justiz-Drama. Eine Geschichte, die sich von den ersten Verhören langsam zum finalen Gerichtsverfahren hin aufbaut, und eine Hauptfigur, die zwischen zwei Bühnen lebt, der offiziellen der Justiz, und der inoffiziellen, die sie sich selbst baut. Beide Bühnen zerren an ihr. Beide wollen ihre Version von wer Klara wirklich ist.

Klara Wendel, die Nachfahrin und die Idee

Meine Klara ist nicht allein. Ich lehne sie an eine historische Figur an, an Klara Wendel (1804–1884), die sogenannte „Räuberkönigin" aus dem Grossen Gauner- und Kellerhandel der 1820er-Jahre in Luzern. Eine junge heimatlose Frau, die in stundenlangen Verhören Geständnisse ablegte, die sich zu zwanzig Morden, vierzehn Brandstiftungen und fast 1600 Diebstählen addierten. Unter physischem und psychischem Druck erfunden, später weitgehend widerrufen, und zeitweise selbst Bühne: je spektakulärer ihre Aussagen, desto wichtiger wurde sie im Prozess.

Genau das ist der Brückenschlag. Damals ein Verhörzimmer, heute ein Handy-Display. Damals Protokolle, die Aussagen immer dramatischer machten, heute Algorithmen, die Empörung immer lauter machen. Das Monster der Aufmerksamkeit ist dasselbe, es trägt nur andere Kleider. Meine Klara heute macht ihrer Ahnin von damals alle Ehre, nur mit mehr Reichweite.

Warum dieser Stoff

Mich reizt an dieser Geschichte dreierlei.

Die Frage, wie Wahrheit entsteht. Nicht nur im Gericht, wo sie aus Akten und Zeugenaussagen zusammengesetzt wird. Sondern auch draussen, wo Wahrheit heute das ist, was geteilt, kommentiert, geliked wird. Meine Klara merkt schnell: Die bessere Geschichte schlägt das stichhaltigere Argument. Immer.

Die Dramaturgie der Mühlen. Das grosse Gerichtsverfahren am Ende ist nicht das Hauptstück, sondern die Kulmination. Der eigentliche Film erzählt den Weg dorthin: wie eine junge Frau, die am Anfang die Wahrheit sagt, merkt, dass die Wahrheit nichts wiegt. Wie sich das Netz Schritt um Schritt um sie zuzieht. Und wie sie irgendwann beschliesst, das Spiel anders zu spielen.

Eine Heldin, die erst sichtbar wird, als sie angeklagt ist. Klara ist lange ein Niemand, übersehen. Bis ihre Mutter stirbt und ihr ein Problem hinterlässt, das sie nicht gewollt hat. Sie beginnt zu lügen, weil ihr die Wahrheit niemand glaubt, schon gar nicht der Staatsanwalt, der sie exemplarisch verurteilen will. Dass sie manipuliert, dass sie die Meinung der Masse für sich nutzt, macht sie nicht unsympathisch, im Gegenteil. Sie ist der Underdog, verfolgt vom System, und beschliesst, mit anderen, mit ihren eigenen Waffen zurückzuschlagen. Denn sie hat ihre Freiheit zu verlieren.

Und jetzt: warten

Exposé raus. Jury tagt. Entscheidung kommt, wenn sie kommt.

Ich kenne das Gefühl aus meinen Coachings, wenn eine Dichterin ihr Manuskript an einen Verlag geschickt hat und der Briefkasten plötzlich das wichtigste Möbel der Wohnung wird. Ich sage immer: Das Warten gehört dazu. Arbeite weiter am Nächsten, lass das Eingereichte los. Gut gemeint, und wahr. Aber wenn du selbst in der Warteschleife sitzt, merkst du, wie lang sie sich anfühlt.

Und deshalb denke ich mir schon die nächste Geschichte aus. Und deshalb habe ich nur ein Exposé eingereicht, nicht ein fertiges Drehbuch. Das ist übrigens derselbe Weg, den viele Autorinnen zum Verlag gehen: erst das Exposé, und erst wenn das Ja kommt, das Buch.

Was passiert bei Ja, was bei Nein

Wenn die Jury Ja sagt, dann fliesst Entwicklungsgeld, und ich schreibe das Drehbuch. Das bedeutet konkret: mein Roman, die Familien-Saga aus der Provence, muss wieder hinten anstehen. Ein Drehbuch zu schreiben ist genauso viel Arbeit wie ein Buch zu schreiben. Auch ich muss Prioritäten setzen.

Wenn die Jury Nein sagt, dann denke ich mir etwas Neues aus. Eine andere Geschichte für ein anderes Drehbuch. So lange, bis eine davon angenommen wird. Das ist das Spiel, und ich habe es lange genug gespielt, um zu wissen, dass Nein nicht persönlich ist, sondern Jury-Arithmetik.

Obwohl, ehrlich gesagt: Meine Klara wäre auch ein guter Roman. Aber ich habe so viele Ideen im Kopf, deshalb schreibe ich wohl auch nicht so viele Bücher, wie ich gerne würde …

Der ewige Spagat

Genau das ist die Situation, die ich von meinen Dichterinnen kenne: zu viele Ideen, zu wenig Zeit. Drei Projekte gleichzeitig im Kopf, und keine Hand frei, um sie alle zu schreiben.

Bei mir sieht es im Moment so aus:

Zu viele Ideen ist keine Schwäche. Es ist der Zustand einer Autorin. Das Problem ist nicht, welche Idee die beste ist, sondern welcher ich als Nächstes die ganze Aufmerksamkeit gebe. Und diese Entscheidung hängt, im Moment, an einer Jury-Sitzung irgendwo in Bern oder Zürich.

Was ich meinen Autorinnen sage, und mir jetzt selbst

Drei Dinge, die ich aus 20 Jahren Coaching kenne, und die ich mir gerade selbst vorhalte:

Erstens, das Eingereichte ist aus der Hand. Es bringt nichts, daran weiter zu drehen, während es bei der Jury liegt. Die Energie gehört dem nächsten Projekt. Oder einer Tasse Tee.

Zweitens, ein Nein ist kein Urteil über die Idee. Es ist eine Entscheidung über ein Förderbudget, in einer bestimmten Runde, mit einer bestimmten Jury-Zusammensetzung. Die Idee bleibt. Sie kann in einer anderen Form weiterleben.

Drittens, mehrere Ideen im Kopf zu haben ist Reichtum, nicht Chaos. Sie dürfen nebeneinander existieren. Nur eine davon darf gerade im Zentrum sein, die anderen warten, und das ist in Ordnung.

Ein Wort an dich

Wenn du gerade auch wartest, auf eine Zusage, eine Verlagsantwort, eine Rückmeldung von Testleserinnen, auf ein Ja von irgendwem, dann weisst du: Ich warte mit.

Der Trick ist nicht, das Warten zu vermeiden. Der Trick ist, währenddessen nicht zu erstarren.

Also, abwarten und Tee trinken. Und die Finger beschäftigt halten mit dem, was als Nächstes kommt. Bei mir ist es gerade der zweite Drehbuch-Keim, und eine Käserei, die noch keinen Namen hat.

Sitzt du selbst in so einer Warteschleife?

Lass uns unverbindlich reden.

30 Minuten Kennenlern-Gespräch. Ohne Verkaufsdruck. Wir schauen, wo du stehst, und wie es weitergehen kann, während du wartest.

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