Nebenfiguren sind keine Möbel
Wie du der Nebenbesetzung mit einem einzigen Detail Leben einhauchst, ohne die Heldin zu überstrahlen.
LesenWarum manche der stärksten Figuren in der Literatur nie die Bühne betreten, und wie du Abwesenheit zum Motor deiner Geschichte machst.
ca. 5 Min. Lesezeit · von Carolyn Pini
Rebecca in Daphne du Mauriers Rebecca. Die Mutter in Cormac McCarthys Die Strasse. Bei Nathalie die verstorbene Grossmutter in „Wir hatten uns", die wir nur als junge Frau Marie erleben, aber nie als die Grossmutter, die Nathalie gekannt hat. Drei Figuren, die nie auf einer Bühne auftauchen, und trotzdem jede Seite bestimmen. Das ist kein Zufall. Es ist eines der stärksten Werkzeuge literarischen Erzählens, und eines, das Erstautorinnen selten nutzen.
Jede Person in der Welt deiner Heldin, die existiert, aber nie im Bild ist:
Abwesende Figuren sind selten Hauptfiguren des Plots. Aber sie sind oft der Grund, warum deine Heldin ist, wie sie ist.
Drei Dinge geschehen, wenn du eine Figur nicht zeigst:
Ein Foto, das nicht abgehängt wird. Eine Jacke im Schrank. Ein Kaffeebecher, der nie benutzt wird. Briefe, Möbel, ein Geruch. Die abwesende Figur berührt durch Dinge, die sie zurückgelassen hat. Jedes Mal, wenn die Heldin auf einen dieser Gegenstände stösst, rückt die abwesende Figur ins Bild, ohne im Raum zu sein.
Die Tante, die sagt: „Das hätte deine Mutter auch so gemacht." Der Kollege, der einen Satz verwendet, den sonst der verschwundene Ex benutzte. Die Nebenfigur, die beiläufig erwähnt, wie die Tote gelacht hat. Worte, die nicht der Heldin gehören, tragen die abwesende Figur in den Raum.
Sie geht nicht an einem bestimmten Haus vorbei. Sie kocht nicht mehr bestimmte Gerichte. Sie öffnet einen Briefkasten nur morgens, nie abends. Diese Meidungen sind Spuren. Die Leserin lernt die abwesende Figur kennen, indem sie versteht, was deine Heldin um sie herum baut.
Die Versuchung ist gross, die abwesende Figur am Ende doch noch „auftauchen" zu lassen. Ein Flashback. Eine lange Erklärungsszene. Ein Brief, in dem alles aufgeklärt wird.
Das entwertet ihre Kraft. Sobald sie konkret wird, schrumpft sie. Die Lücke, die die Leserin mit Gold gefüllt hat, wird zu einer normal-grossen Person, und die Magie verpufft.
Viel stärker: sie bleibt, was sie war. Abwesend. Die Heldin verändert ihre Beziehung zu dieser Abwesenheit, das ist die Arbeit des Buchs, nicht das Auftauchen der Figur selbst.
In meiner Familien-Saga, die in der Provence spielt, ist Grossvater Victor die abwesende Person. Die Geschichte beginnt damit, dass Karolina an seinem Grab steht, und wir erfahren, dass auch ihre Eltern vor zehn Jahren gestorben sind, denn auch sie liegen dort in Grasse begraben. Drei Menschen, drei Gräber, eine Frau, die weitermachen muss.
Alle drei haben grossen Einfluss auf Karolinas Weg zur Parfümeurin und erfolgreichen Unternehmerin. Victor, weil er die Leidenschaft für Düfte an sie weitergegeben hat. Die Eltern, weil ihr früher Tod sie in eine Selbständigkeit gezwungen hat, die sie sonst vielleicht nie gesucht hätte. Keiner der drei tritt je als Figur in der Gegenwart auf, und trotzdem gibt es kaum eine Szene, in der sie nicht mitgehen. In Gerüchen. In Werkstattritualen. In Sätzen, die Karolina sich selbst sagt, weil sie sie von Victor gehört hat.
Frag dich:
Ein letzter Hinweis: Wenn dir keine abwesende Figur einfällt, aber das Buch sich leer anfühlt, frag dich, wer in deiner eigenen Geschichte als Autorin als „das war davor" mitschwingt. Oft ist das der Zugang zur stärksten Figur deines Romans, die du noch nicht geschrieben hast.
Figuren-Arbeit
Abwesende Figuren sind eines der heikelsten, schönsten Werkzeuge. Im Plot-Sparring schauen wir, wer in deiner Geschichte nicht da ist, und wie du ihre Präsenz auf jede Seite bringst, ohne sie zu zeigen.
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